Montag, 9. November 2009
Die Mauer
Die mauer
Als wir schleiften, ahnten wir nicht,
wie hoch sie ist,
in uns
wir hatten uns gewöhnt
an ihren horizont
Und an die windstille
In ihrem schatten warfen
alle keinen schatten
Nun stehen wir entbößt
Jeder entschuldigung
Sonntag, 8. November 2009
"Wallenstein" - Kurzfassung in Bad Godesberg

Konflikt zwischen Treue und Machtgier: Walter Ullrich (links) als Wallenstein. Foto: Theater
Rekordverdächtig: "Wallenstein"-Kurzfassung in Bad Godesberg
Bonn. Vor gut zwei Jahren hat Regisseur Peter Stein in Berlin einen gigantischen Schiller-Gedenkgottesdienst zelebriert: "Wallenstein" komplett, was geschlagene zehn Stunden Bühnenarbeit bedeutete.
Im Kleinen Theater Bad Godesberg geht man unter der Regie von Hans Thoenies das Ganze von der anderen Seite an: "Wallenstein" so knapp wie möglich, in rekordverdächtigen zwei Stunden (inklusive Pause).
Man hat Schillers "dramatisches Gedicht" in Bad Godesberg nicht gekürzt, man hat es skelettiert, allerdings auf eine sehr kluge Art. Naturgemäß ist dabei vieles auf der Strecke geblieben, vor allem die eigentliche Anlage des Schauspiels, das sich von außen in gleichsam konzentrischen Kreisen immer mehr ins Innere der Macht (und der handelnden Personen) vorarbeitet.
Das umfangreiche Vorspiel "Wallensteins Lager" etwa, das ein fesselndes Panaroma des Dreißigjährigen Krieges entwickelt, existiert nicht (es wäre auf der kleinen Bühne wohl auch nicht darzustellen gewesen).
So hat man's mit einem Kammerspiel zu tun, das nach sehr gemächlichem Beginn deutlich an Fahrt aufnimmt und gegen Ende etwas von einem düsteren Krimi mit mörderischer Zuspitzung hat.
Regisseur Thoenies konzentriert sich ohne jede Umschweife auf Aufstieg und Fall des Feldherrn Wallenstein, auf einen ebenso verwegenen wie rätselhaften Charakter, der im Dreißigjährigen Krieg vom kaiserlich-katholischen Lager zu den protestantischen Schweden überlaufen will.
Wallensteins Konflikt zwischen Treue und Machtgier ist in dieser Kurzfassung pointiert skizziert, und Walter Ullrich in der Titelrolle tut das Seine dazu, um einer der spannendsten Figuren der Kriegsgeschichte Konturen zu geben: Er ist der Zauderer und Taktierer, der sich im Labyrinth der Intrigen und Täuschungen verirrt; am Ende gibt Ullrich seinem Wallenstein einen berührenden Hauch von Einsamkeit und Welt-Abgeschiedenheit.
Es liegt in der Natur der Kompakt-Inszenierung, dass sie ihren Figuren kaum Zeit lässt, sich zu entwickeln; wer hier mitspielt, muss von Beginn an präsent sein. Das gelingt den Beteiligten - der Bad Godesberger "Wallenstein" kommt mit elf Schauspielern aus - in erstaunlichem Maße, speziell das junge Paar (Ingo Heise als Max Piccolomini und Ivana Langmajer als Thekla) findet zu einem schönen Ton voller Leidenschaft und Idealismus.
Manfred Molitorisz als Wallensteins Gegenspieler Octavio Piccolomini beherrscht die Kunst der Undurchschaubarkeit, Johannes Prill als kaiserlicher Gesandter Questenberg setzt aufs Diabolische, Heiko Haynert (Buttler) ist ein rechter Haudegen, Dagmar von Kurmin (Gräfin Terzky) kennt den meisterlichen Umgang mit dem Wort. Dazu kommen in durchweg überzeugend angelegten Porträt-Studien Erwin Geisler, Matthias Kiel, Frank Ferner und Stefan Krause.
"Wallenstein", bis zum 24. November und vom 6. bis zum 12. <13.> Dezember im Kleinen Theater Bad Godesberg;
Karten: (02 28) 36 28 39.
Text von Schillers Wallenstein im Netz:
www.wissen-im-netz.info/literatur/schiller/wstein/tod/index.htm
Mittwoch, 4. November 2009
Sozialität – entstehen des Sozialen

Die Sozialität kann nur in der Verschmelzung oder in der Synthese von drei Komponenten zustande kommen. Soziales kann nur dann entstehen, wenn Information, Mitteilung und Verstehen als Einheit erzeugt werden, mit ihren Rückwirkungen auf die Teilnehmenden psychischen Systeme, die sich entsprechend verhalten müssen, damit dies gelingt.
Die Emergenz des Sozialen ist die Synthese selbst, wobei die Elemente, nach wie vor, psychologisch, biologisch beschrieben werden können, beschrieben werden müssen. Ohne dieses biologische Fundament (körperliche Verfügbarkeit, Fähigkeit den Körper aufrecht zu halten, Konzentrationsfähigkeit, entsprechende Durchblutung des Gehirns) geht es nicht.
Frei nach einer Audioaufnahme der Vorlesungsreihe zur Systemtheorie von Niklas Luhmann gehalten im Wintersemester 1991/1992 an der Universität Bielefeld (aus Teil 11 „Psychische und soziale Systeme“)
Sonntag, 1. November 2009
1 listopada - dzień Wszystkich Świętych
Dzień Wszystkich Świętych (Festum omnium Sanctorum) jest chrześcijańską uroczystością ku czci wszystkich znanych i nieznanych świętych i męczenników, którzy są w niebie z Bogiem. Obchodzony jest 1 listopada.
Uroczystość Wszystkich Świętych wywodzi się głównie z czci oddawanej męczennikom, którzy oddali swoje życie dla Chrystusa, a których nie wspomniano ani w martyrologiach miejscowych, ani w kanonie mszy świętej. W III wieku rozpowszechniła się tradycja przenoszenia relikwii świętych, albo części tych relikwii w inne miejsca. W ten sposób chciano podkreślić, że święci są własnością całego Kościoła.
Od wieku IV datuje się także kult wyznawców: Ojców Apostolskich, Ojców Kościoła, świętych biskupów, pustelników, ascetów, świętych dziewic i pokutnic. Ponieważ świętych męczenników było bardzo wielu świętych może większość z nich stanowili bohaterowie bezimienni, w Kościele antiocheńskim już w wieku IV pierwszą niedzielę po Zielonych Świętach poświęcono ich czci i pamięci. Papież Jan XI w roku 935 ustanowił osobne święto ku czci Wszystkich Świętych, wyznaczając je na dzień 1 listopada.
Dzień Wszystkich Świętych przypomina nam przede wszystkim tych Świętych Pańskich, którzy nie mają swoich osobnych dni w roku liturgicznym - nieznanych sług Bożych.
Odwiedzanie grobów jest zwyczajem znanym niemal wszystkim ludom, przekazywanym z pokolenia na pokolenie. Chrześcijanie podjęli tę tradycję i nadali jej wymiar religijny.
Pierwszy dzień listopada jest w Polsce dniem wolnym od pracy, co powoduje, że wiele osób podróżuje nawet na wielkie odległości, aby odwiedzić groby swoich bliskich. Ludzie odwiedzają cmentarze, aby ozdobić groby kwiatami, zapalić znicze i pomodlić się w intencji swoich zmarłych. To święto ma charakter religijny, chrześcijański, ale dobrym zwyczajem obchodzi je także wiele osób innych wyznań, albo nie wyznających żadnej religii. Jest to wyrazem pamięci oraz oddania czci i szacunku zmarłym.
Święto to było również w czasach PRL dniem wolnym, ale oficjalnie starano się nadać mu charakter świecki i nazywano je dniem Wszystkich Zmarłych bądź Świętem Zmarłych.
Następnego dnia po Wszystkich Świętych (2 listopada) obchodzony jest dzień wspominania zmarłych (Zaduszki). Dla chrześcijan jest to dzień modlitw za wszystkich wierzących w Chrystusa, którzy odeszli już z tego świata. Pamięć o zmarłych znajduje również bardziej świecki wyraz. Organizuje się zaduszkowe koncerty, wystawy i spektakle, poświęcone zmarłym artystom, wydaje okolicznościowe czasopisma i książki.
Kapitalismus in Russland - Seelen im Sonderangebot
Serie „Die Zukunft des Kapitalismus“
Seelen im Sonderangebot
Von Viktor Jerofejew
30. Oktober 2009 Mit dem Kapitalismus stehe ich auf Kriegsfuß. In diesem Punkt bin ich meinem Volk nahe. Zwar bestätige ich gern die Vorteile des kapitalistischen Produktionssystems gegenüber dem Modell des sowjetischen Sozialismus, als dessen Opfer ich mich viele Jahre lang permanent gefühlt habe. Ich bin auch froh über das kapitalistische Paradies in den Moskauer Geschäften, ich schätze die Renaissance der russischen Küche in den Restaurants, und die aufdringliche Werbung überall nervt mich nicht besonders. Aber meine Seele, die werde ich dem Kapitalismus nicht verkaufen.
Der Kapitalismus hatte in Russland immer schon schlechte Karten. Für ihn bestand hier zu keiner Zeit eine moralische oder psychologische Grundlage. Die klassische russische Literatur feuerte ganze Breitseiten von Verachtung und Wut auf den Kapitalismus ab - und dies bereits seit seiner Entstehung. Einen besonderen Schlag gegen den Kapitalismus führte Nikolai Gogol schon um 1840 mit seinem Roman „Die toten Seelen“. Am Beispiel eines findigen Unternehmers, der Gutsbesitzern Listen verstorbener leibeigener Bauern abkauft, brandmarkte der Schriftsteller auf Jahrzehnte hinaus die Idee des Unternehmertums. Auf ihn folgten Dostojewskij, Tolstoi, Tschechow und später Gorki, der in der Verbannung auf Capri den revolutionären, antikapitalistischen Roman „Die Mutter“ schrieb, sodann Worte in Taten umsetzte und mit seinen Honoraren Lenins Kommunistische Partei unterstützte.
Die russische Intelligenzija, weit entfernt von der protestantischen Ethik und dem europäischen Egoismus des aufgeklärten Individuums, applaudierte den Schriftstellern bis hin zur Revolution. Als sie sich dann im Sozialismus wiederfand und plötzlich eines anderen besann, war es zu spät: Übrig blieben heimliche Erinnerungen an das süße Leben unter dem Zaren.
Marktwirtschaftliche Schocktherapie
Die ersten Erlasse Gorbatschows über die Rückkehr zum Privateigentum wurden von der Intelligenzija mit großem Enthusiasmus begrüßt. Doch als man in Vorbereitung auf die Marktwirtschaft mit der Schocktherapie begann, war die anfängliche Begeisterung beinahe augenblicklich verflogen. Überrumpelt von den liberalen Reformen, die mit einer unglaublichen Arroganz und Wurstigkeit gegenüber den Bedürfnissen der Menschen durchgeführt wurden, begann die russische Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit sich nach Breschnews Sozialismus der Stagnation zurückzusehnen - und diese Nostalgie hält bis heute an. Die Situation ist verfahren: Die Gesellschaft kann nicht vor und nicht zurück. Zum wirtschaftlich aussichtslosen kommunistischen System zurückzukehren, wäre für unser Land heute nicht nur sinnlos, sondern tödlich; es würde eine solche Rückkehr nicht überleben. Aber eine positive Entwicklung des Kapitalismus ist in Russland angesichts des bestehenden moralischen Widerstands gegen seine Normen ebenso aussichtslos.
Warum mögen die Russen den Kapitalismus nicht? Historisch erklärt sich das aus einer religiös begründeten Volksmoral, die den Einzelnen dem gemeinschaftlichen Ganzen unterordnet, das Leben auf der Erde als sündhaft und von teuflischen Mächten gelenkt begreift. Demut sowie Verweigerung jeglicher Erfolgsorientiertheit und Privatinitiative stellen das Herzstück der traditionellen russischen Weltanschauung dar. Darauf beruhte in vielerlei Hinsicht jene Form des östlichen Despotismus, die jahrhundertelang als Muster für die unumschränkte Herrschaft der Zaren diente, im Stalinismus vertieft wurde und neuerdings als nützliches Ideal hier und da wiederauftaucht.
Die Fratze des kapitalistischen Banditen
In der Jelzin-Periode der neunziger Jahre erhielt das notgedrungen wiederbelebte Modell des Kapitalismus - der Gorbatschow-Sozialismus mit menschlichem Gesicht hatte sich als Totgeburt erwiesen - eine stark ausgeprägte kriminelle Färbung. Es entstand die Spezies der „Neuen Russen“. Ihre Markenzeichen: himbeerfarbenes Jackett und dicke Goldkette um den Hals. Die reinsten Horrorgestalten, schrecklich und lächerlich zugleich. Ihr Anblick bot den Russen, die ihre Ersparnisse verloren hatten und sich im totalen wirtschaftlichen Chaos wiederfanden, weitere Gründe, den Kapitalismus zu hassen. Jelzin, offenbar erschrocken über die Ausmaße des Banditenkapitalismus, fand eine Alternative: Er unterstellte die Entwicklung des Kapitalismus der einzigen Institution, die ihre Struktur bewahrt hatte - den Geheimdiensten. Nach schwerem Kampf beseitigten diese die himbeerfarbenen Jacketts und rekrutierten aus eigenem Umfeld den zukünftigen Präsidenten.
Die wahre Rolle Putins, der ungehorsamen Oligarchen einen Maulkorb umhängte, wird in der Zukunft Gegenstand zahlreicher Diskussionen sein. Erlöser oder Bestrafer? Nach dem Vorbild des russischen traditionellen Konservatismus hat er Russland ein bisschen angefroren, damit es nicht endgültig auseinanderfällt, wobei er gleichzeitig Russlands demokratische, dem Volk keineswegs am Herzen liegende Perspektive opferte und nach und nach drei Begriffe verknüpfte: Staat - Kirche - Kapitalismus.
Aus historischer Sicht war daher Putin, trotz Wiedereinführung der sowjetischen Hymne, als Totengräber des russischen Kommunismus weitaus radikaler als Jelzin. Er verteidigte sehr pragmatisch die Zukunft des russischen Kapitalismus. Dass der Kapitalismus in den Händen des Staates seinen Unternehmergeist und die für seine Entwicklung notwendige Unabhängigkeit eingebüßt hat und durch den Prozess gegen Chodorkowskij, den ersten kapitalistischen Märtyrer jener Zeit in Russland, erschüttert ist, das steht auf einem anderen Blatt. Zugleich jedoch hat der Kapitalismus die in den neunziger Jahren geschmiedete Allianz der sogenannten „Silowiki“, also der Vertreter von Geheimdiensten und Armee, brutal zerschlagen, allein schon dadurch, dass er sie selbst zu Kapitalisten gemacht hat.
Aufblühender Nationalismus
An die Lebensfähigkeit des russischen Kapitalismus zu glauben, ist bis heute schwierig. Die propagierte Abgrenzung Russlands vom Westen und die Konflikte mit ehemaligen Sowjetrepubliken versetzen unseren Kapitalismus in eine missliche Lage - er ist nicht daran gewöhnt, isoliert zu existieren, er braucht stabile Absatzmärkte. Andererseits wird die auch in Russland angekommene Finanzkrise bei uns als das Böse aus dem Westen dargestellt. Russland hat die Bedeutung der globalen Krise noch nicht ganz begriffen: Das vergnügungssüchtige Moskau gibt sich nach wie vor ungestört von der Krise und amüsiert sich in Nachtclubs; die ferne Provinz war auch schon vor der Krise arm. Doch die veralteten Industrieanlagen aus Sowjetzeiten, die Angst vor Hyperinflation und Arbeitslosigkeit, die Rückständigkeit der Wirtschaft insgesamt, all das dringt allmählich ins Bewusstsein.
Einerseits blüht der Nationalismus - die Ideologie der Erniedrigten und Beleidigten - bis hin zu seinen radikalsten Formen. Wer die deutsche Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg kennt, dem ist das alles schmerzhaft bekannt. Die Angst vor möglichen orangefarbenen Revolutionen in Russland selbst, der Glaube, dass sie ein Produkt amerikanischer Konspiration seien, und der Wunsch, von den konservativen Orthodoxen ideelle Unterstützung zu erhalten, führen dazu, dass die Staatsmacht die demagogischen Parolen der Nationalisten duldet und auf einer bestimmten mittleren Ebene innerhalb der Rechtsschutzorgane sogar mit ihnen zusammengeht. Allerdings stellen die Nationalisten eine breite, zersplitterte Bewegung dar. Die einen schwören auf Stalin, die anderen auf das Volk, die Dritten auf das heilige alte Russland, die Vierten auf Hitler, die Fünften hassen den Kreml. Klar, dass der Kapitalismus unter den Nationalisten keine Überlebenschance hat.
Ewige Sinnsuche
Kehren wir zurück zur russischen Intelligenzija. Zwischen Sozialismus und Kapitalismus bewahrt sie eine distanzierte Neutralität, aber ihre Meinung interessiert ohnehin kaum jemanden; sie ist verloren und verwirrt, sie spürt ihre historische Rolle nicht. Außerdem hat die gesamte aufgeklärte russische Gesellschaft - besagte Intelligenzija, die Mittelschicht, Studenten, ein Teil der reichen Unternehmer - mit Einsetzen der Krise begonnen, über die ewigen Fragen des Seins nachzudenken. Wieder in Mode kommen die legendären Küchengespräche, Karamasowsche Diskussionen, Gespräche über den Sinn des Lebens. Es scheint, als trete gerade in diesen Gesprächen die Besonderheit der Russen hervor: die ewige Suche nach dem Sinn des Lebens. Sie suchen ihr ganzes Leben nach dem Sinn des Lebens und sterben schließlich, ohne ihn gefunden zu haben, ihre Kinder übernehmen den Staffelstab, danach die Enkel.
In den elitären Kreisen Moskaus überlässt die Philosophie des Glamours zu Beginn des 21. Jahrhunderts ihren Platz den wiederauflebenden geistigen Werten. Übrigens sind die mir bekannten reichen Moskauer Unternehmer nicht der Meinung, dass Kapitalismus und geistige Werte unvereinbare Dinge seien. Überhaupt ist der schwarz-weiße Blick auf Russland in diesen Kreisen nicht in Mode. Es überwiegt hier der graue Blick - ein Gefühlsgemisch aus Optimismus und Pessimismus. Das heißt: Mit der Emigration hat man es nicht eilig. Das heißt: Mit dem arbeitenden Volk kann man sich einigen, man muss nur den richtigen Zugang zu ihm finden. Das heißt: Russland ist nicht für immer eingefroren, nach einer gewissen Zeit wird es aus dem konservativen Lager herausfinden und sich wieder der zivilisierten Welt zuwenden, obwohl es möglicherweise in seinen Ausmaßen schrumpfen wird. Zum Kapitalismus gibt es keine Alternative, davon sind die Anhänger der Modernisierung Russlands überzeugt. Mit dem Prozess der Modernisierung steht es indessen nicht zum Besten.
Die russische Variante des Kapitalismus
Die Geschichte des Kapitalismus im heutigen Russland habe ich in Miniaturformat in meinem Treppenaufgang studieren können. Mein Haus steht in einem zentralen Moskauer Stadtviertel, in einer stillen Gasse, einen Katzensprung von der Moskwa entfernt. Irgendwann einmal, vor der Revolution, wohnten in diesem sechsstöckigen Haus Ärzte aus einem nahe gelegenen großen Krankenhaus - offenbar keine armen Leute, die auch zu Hause Patienten empfingen. Die Revolution fegte all diese Ärzte hinweg; ihre Wohnungen verwandelten sich in „Kommunalki“, in denen vier und mehr Familien zusammengepfercht hausten. Vor etwa fünfzehn Jahren begann die betuchte Mittelschicht damit, die Moskauer Kommunalki aufzulösen - man kaufte separate kleine Wohnungen an der Peripherie und machte den Familien so den Auszug schmackhaft. Man selbst wollte in schönen, vorrevolutionären Wohnungen wohnen.
Aber nicht alle Kommunalki in einem Haus wurden aufgelöst; in meinem Treppenaufgang zum Beispiel blieb eine Kommunalka bestehen. Darin lebten zwei Brüder um die dreißig, die beschlossen, den kapitalistischen Weg einzuschlagen. Sie machten einen Trinkwassergroßhandel auf. Dieses Geschäft warf allem Anschein nach Gewinn ab. Alle Stockwerke in unserem Aufgang waren mit Zehnliterplastikflaschen zugestellt, denn die beiden Jungunternehmer hatten keine Lagerräume. Die Brüder veränderten sich: Sie trugen nur noch modische Kleidung und Schuhe, alles sehr schick und italienisch. Doch dann ging die russische Seele mit ihnen durch: Sie schwammen in Geld und begannen zu trinken - kein Wasser, versteht sich. Sie tranken und tranken, und einer der Brüder trank so viel, dass er starb. Der andere Bruder veranstaltete einen pompösen Leichenschmaus in der Kommunalka. Dabei - sein Bruder war eben erst unter die Erde gebracht - betrank er sich dermaßen, dass er ins Badezimmer verschwand und ebenfalls starb. In unserem Aufgang war es vorbei mit dem Trinkwasser-Kapitalismus. Weit und breit keine Plastikflaschen mehr. Der Kapitalismus steht still. Und was weiter wird, weiß niemand.
Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch.
Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew, Jahrgang 1947, veröffentlichte zuletzt den Essayband „Russische Apokalypse“.
Weitere Beiträge der Serie: Serie „Die Zukunft des Kapitalismus“ unter:
http://www.faz.net/s/Rub9A19C8AB8EC84EEF8640E9F05A69B915/Tpl~Ecommon~SThemenseite.html
Freitag, 30. Oktober 2009
Esse est percipi aut percipere
"Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." - Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795), 15. Brief
"Der ernsteste Stoff muss so behandelt werden, dass wir die Fähigkeit behalten, ihn unmittelbar mit dem leichtesten Spiel zu vertauschen." - Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795), 22. Brief
"Ein Geist, der sich allein liebt, ist ein schwimmender Atom im unermeßlichen leeren Raume." - Philosophische Briefe: Theosophie des Julius, Liebe
"Da steh' ich, ein entlaubter Stamm!" - Wallensteins Tod, III, 18 / Wallenstein
mehr unter
http://de.wikiquote.org/wiki/Friedrich_Schiller
Donnerstag, 29. Oktober 2009
Der Neid
Der Neid ist eine starke, wenn auch tabuisierte Emotion, die unsere Gesellschaft tief prägt. Er kann die Wirtschaft lähmen. Was die Soziologie des Neides den Ökonomen sagen kann.
Von Franz Kromka
Polemisch könnte man die deutsche Gesellschaft als ein "großes Neidkraftwerk" (Peter Sloterdijk) bezeichnen. Der Neid ist indessen ein ubiquitäres Phänomen. Er ist Teil jener kulturell unterschiedlich geformten Strategie, die Charles Darwin "struggle for existence" nannte. Damit ist er eine wichtige Triebfeder des wirtschaftlichen und politischen Lebens. Man will besser sein als diejenigen, denen man gleicht, und das heißt, mit denen man sich vergleicht. Der Neider nimmt schmerzend die materiellen Güter wie immateriellen Vorteile anderer wahr, und er ist dabei oft stärker daran interessiert, diese zu vernichten, als sie selbst zu erwerben.
(...)
Die "über dem Durchschnitt" sind die Beneideten. Um nicht Missgunst zu erregen, bemühen sich diese - manche mehr, andere weniger -, das von ihnen Geschaffene zu verbergen, die Freude über ihr Werk zu unterdrücken und eher über ihre Misserfolge als über ihre Erfolge zu reden. Manche Erfolgreiche sind geplagt von Schuldgefühlen, die zur Lähmung der Schaffenskraft führen können.
(...)
Viele Politiker glauben, mit der Umverteilung von Einkommen den latenten Neid zum Verschwinden zu bringen und damit Zufriedenheit herstellen zu können. Doch jede Egalisierungspolitik hinkt der Erfindungskraft des Neides hinterher. Alexis de Tocqueville schrieb treffend: "Der Wunsch nach Gleichheit wird umso unersättlicher, je größer die Gleichheit ist." Anders als der lediglich wirtschaftsfixierte traditionelle Sozialismus entdeckt der moderne Egalitarismus fortwährend neue Ungleichheiten. Er ist ein beständiger Produzent von Neid. Gewiss wird zum Beispiel das "Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz" die sich benachteiligt Fühlenden nicht besänftigen, sondern im Gegenteil ihre Unzufriedenheit noch verstärken.
So paradox es klingen mag: Die Politik der Umverteilung kann - ganz entgegen der vordergründigen Absicht - gerade die Chancen der Schlechtergestellten mindern. Wie Friedrich August von Hayek schrieb, liegt es auf der Hand, "dass die meisten von denen, die große Vermögen in Gestalt neuer Industrieanlagen und dergleichen aufgebaut haben, dadurch mehr Leuten Vorteile verschaffen, indem sie lohnendere Arbeitsmöglichkeiten schufen, als wenn sie ihren Überfluss an die Armen verschenkt hätten."
Doch diese Einsicht ist nicht weit verbreitet. Eine Erhebung der Bertelsmann Stiftung ergab, dass 2008 nur 13 Prozent der Befragten die derzeitige ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen als gerecht bezeichneten. So ist die neidpolitische Forderung populär, mit der bereits von Marx vorgeschlagenen "starken Progressivsteuer" auf die materielle Gleichheit der Bürger zuzusteuern. Die Fixierung auf Umverteilung und Gleichheit lähmt aber die produktiven Kräfte. Im schlimmsten Fall macht sie alle ärmer.
(...)
Franz Kromka ist Professor für Soziologie an der Universität Hohenheim und Autor des Buchs "Markt und Moral. Neuentdeckung der Gründerväter" (Edition Lichtschlag).
Text Ausschnitte aus dem Artikel "Der Neid in der Gesellschaft"
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2009, Nr. 248, S. 12
Sonntag, 25. Oktober 2009
.. und Neubeginn - Hochzeiten im Oktober
"Zwei sind besser dran als einer allein, denn sie haben guten Lohn für ihr Bemühen. Wenn sie hinfallen, kann der eine dem anderen wieder aufhelfen. Aber wehe dem, der allein ist, wenn er fällt und es ist keiner da, der ihm aufhilft. Wenn sich zwei zusammen schlafen legen, wärmt einer den anderen; aber einer allein – wie soll es ihm warm werden? Und wenn einer den überwältigt, der allein ist, so können zwei jenem widerstehen. Und gar: eine dreifache Schnur zerreißt nicht so schnell."
Kohelet 4, 9-12
„Wer den anderen liebt, lässt ihn gelten,
so wie er ist, wie er gewesen ist und wie er sein wird."
Michael Quoist (1921-1997)
Segen:
Der Herr segne euch.
Er erfülle eure Füße mit Tanz
und eure Arme mit Kraft.
Er erfülle eure Herzen mit Zärtlichkeit
und eure Augen mit Lachen.
Er erfülle eure Ohren mit Musik
und eure Nase mit Wohlgerüchen.
Er erfülle euren Mund mit Jubel
und euer Herz mit Freude.
Er schenke uns immer neu die Gnade der Wüste:
Stille, frisches Wasser und neue Hoffnung.
Er gebe uns allen immer neu die Kraft,
der Hoffnung ein Gesicht zu geben.
Es segne euch der Herr.
aus Afrika