Freitag, 30. Oktober 2009

Esse est percipi aut percipere

Sein heißt wahrgenommen werden - George Berkeley

"Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." - Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795), 15. Brief

"Der ernsteste Stoff muss so behandelt werden, dass wir die Fähigkeit behalten, ihn unmittelbar mit dem leichtesten Spiel zu vertauschen." - Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795), 22. Brief

"Ein Geist, der sich allein liebt, ist ein schwimmender Atom im unermeßlichen leeren Raume." - Philosophische Briefe: Theosophie des Julius, Liebe

"Da steh' ich, ein entlaubter Stamm!" - Wallensteins Tod, III, 18 / Wallenstein

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http://de.wikiquote.org/wiki/Friedrich_Schiller

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Der Neid


Der Neid ist eine starke, wenn auch tabuisierte Emotion, die unsere Gesellschaft tief prägt. Er kann die Wirtschaft lähmen. Was die Soziologie des Neides den Ökonomen sagen kann.

Von Franz Kromka

Polemisch könnte man die deutsche Gesellschaft als ein "großes Neidkraftwerk" (Peter Sloterdijk) bezeichnen. Der Neid ist indessen ein ubiquitäres Phänomen. Er ist Teil jener kulturell unterschiedlich geformten Strategie, die Charles Darwin "struggle for existence" nannte. Damit ist er eine wichtige Triebfeder des wirtschaftlichen und politischen Lebens. Man will besser sein als diejenigen, denen man gleicht, und das heißt, mit denen man sich vergleicht. Der Neider nimmt schmerzend die materiellen Güter wie immateriellen Vorteile anderer wahr, und er ist dabei oft stärker daran interessiert, diese zu vernichten, als sie selbst zu erwerben.

(...)

Die "über dem Durchschnitt" sind die Beneideten. Um nicht Missgunst zu erregen, bemühen sich diese - manche mehr, andere weniger -, das von ihnen Geschaffene zu verbergen, die Freude über ihr Werk zu unterdrücken und eher über ihre Misserfolge als über ihre Erfolge zu reden. Manche Erfolgreiche sind geplagt von Schuldgefühlen, die zur Lähmung der Schaffenskraft führen können.

(...)


Viele Politiker glauben, mit der Umverteilung von Einkommen den latenten Neid zum Verschwinden zu bringen und damit Zufriedenheit herstellen zu können. Doch jede Egalisierungspolitik hinkt der Erfindungskraft des Neides hinterher. Alexis de Tocqueville schrieb treffend: "Der Wunsch nach Gleichheit wird umso unersättlicher, je größer die Gleichheit ist." Anders als der lediglich wirtschaftsfixierte traditionelle Sozialismus entdeckt der moderne Egalitarismus fortwährend neue Ungleichheiten. Er ist ein beständiger Produzent von Neid. Gewiss wird zum Beispiel das "Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz" die sich benachteiligt Fühlenden nicht besänftigen, sondern im Gegenteil ihre Unzufriedenheit noch verstärken.

So paradox es klingen mag: Die Politik der Umverteilung kann - ganz entgegen der vordergründigen Absicht - gerade die Chancen der Schlechtergestellten mindern. Wie Friedrich August von Hayek schrieb, liegt es auf der Hand, "dass die meisten von denen, die große Vermögen in Gestalt neuer Industrieanlagen und dergleichen aufgebaut haben, dadurch mehr Leuten Vorteile verschaffen, indem sie lohnendere Arbeitsmöglichkeiten schufen, als wenn sie ihren Überfluss an die Armen verschenkt hätten."

Doch diese Einsicht ist nicht weit verbreitet. Eine Erhebung der Bertelsmann Stiftung ergab, dass 2008 nur 13 Prozent der Befragten die derzeitige ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen als gerecht bezeichneten. So ist die neidpolitische Forderung populär, mit der bereits von Marx vorgeschlagenen "starken Progressivsteuer" auf die materielle Gleichheit der Bürger zuzusteuern. Die Fixierung auf Umverteilung und Gleichheit lähmt aber die produktiven Kräfte. Im schlimmsten Fall macht sie alle ärmer.

(...)
Franz Kromka ist Professor für Soziologie an der Universität Hohenheim und Autor des Buchs "Markt und Moral. Neuentdeckung der Gründerväter" (Edition Lichtschlag).




Text Ausschnitte aus dem Artikel "Der Neid in der Gesellschaft"

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2009, Nr. 248, S. 12

Sonntag, 25. Oktober 2009

.. und Neubeginn - Hochzeiten im Oktober

"Zwei sind besser dran als einer allein, denn sie haben guten Lohn für ihr Bemühen. Wenn sie hinfallen, kann der eine dem anderen wieder aufhelfen. Aber wehe dem, der allein ist, wenn er fällt und es ist keiner da, der ihm aufhilft. Wenn sich zwei zusammen schlafen legen, wärmt einer den anderen; aber einer allein – wie soll es ihm warm werden? Und wenn einer den überwältigt, der allein ist, so können zwei jenem widerstehen. Und gar: eine dreifache Schnur zerreißt nicht so schnell."

Kohelet 4, 9-12


„Wer den anderen liebt, lässt ihn gelten,

so wie er ist, wie er gewesen ist und wie er sein wird."

Michael Quoist (1921-1997)


Segen:

Der Herr segne euch.
Er erfülle eure Füße mit Tanz
und eure Arme mit Kraft.
Er erfülle eure Herzen mit Zärtlichkeit
und eure Augen mit Lachen.
Er erfülle eure Ohren mit Musik
und eure Nase mit Wohlgerüchen.
Er erfülle euren Mund mit Jubel
und euer Herz mit Freude.
Er schenke uns immer neu die Gnade der Wüste:
Stille, frisches Wasser und neue Hoffnung.
Er gebe uns allen immer neu die Kraft,
der Hoffnung ein Gesicht zu geben.
Es segne euch der Herr.

aus Afrika

Sonntag, 11. Oktober 2009

Ende des Fadens


Genau so, wie man beim Weben
Das Ende der prächtigen Fäden,
Mit denen gewebt wurde, erreicht,
So ist das Leben der Menschen.

Buddha

Donnerstag, 24. September 2009

Überhangmandate


Christian Lindner

FDP-Mann wählt Bosbach (CDU)

VON CHRISTIAN WIERMER



Berlin/Köln - Das ist mal ein ungewöhnlicher Schritt im Wahlkampf: Ein Bundestagskandidat kündigt an, dass er am Sonntag seinen Gegner wählen wird.

Wie bitte?! Im EXPRESS sagt Christian Lindner, FDP-Bewerber im Rheinisch-Bergischen Kreis, voraus, dass er sein Erststimmen-Kreuzchen bei der Bundestagswahl neben CDU-Konkurrent Wolfgang Bosbach machen wird.

Der Unions-Fraktions-Vize hatte den Wahlkreis 2005 mit knapp 50 Prozent klar gewonnen.

Lindner, der seit neun Jahren im Düsseldorfer Landtag sitzt und nun nach Berlin will, sieht für sich keine Chance auf das Direktmandat. Und da er zudem viel von Bosbach halte, werde er eben für ihn stimmen. Der Generalsekretär der NRW-FDP: "Da es knapp werden kann, rege ich eine rationale Wahl an. Die Leute sollten mit einer Erststimme für Bosbach und einer Zweitstimme für mich Schwarz-Gelb sichern. Mit Wolfgang bin ich zwar bei Bürgerfreiheiten oft nicht einer Meinung, aber darüber diskutiere ich mit ihm lieber in einer Koalition."

Abwegig ist Lindners Gedanke nicht. Er weiß, dass ein direkter Sieg von Bosbach die Chance für die Union auf Überhangmandate erhöht. Das wiederum könnte eine FDP-Union-Mehrheit im Bund sichern.

Und dennoch überrascht die außergewöhnliche Ankündigung des FDP-Politikers. Gegenkandidat Bosbach freut sich natürlich über die Stimme und den Wahlaufruf des Gegners. Der Innenpolitiker: "Auch ich kämpfe ohne Wenn und Aber für Schwarz-Gelb. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Christian Lindner, denn er ist ein wirklich feiner Kerl."


Dienstag, 22. September 2009

Strompreis

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"Not being able to govern events, I govern myself." - Michel de Montaigne

Montag, 21. September 2009

Kernenergie - Störfälle von deutschen Umweltministern

Russische Birken im September

FAZ 10.9.09


Dank an Dr. Ludwig Lindner für seinen Brief am 14. August, in dem er zwölf Irrtümer von Jürgen Trittin in dessen F.A.Z.-Artikel vom 16. Juli korrigiert. Dazu hatte bereits Stefan Dietrich in der F.A.Z. vom 24. Juli beigetragen, als über die internationale Definition von Betriebsstörung und Störfall von Kernkraftwerken hingewiesen wurde. Die Bewertung erfolgt nach der sogenannten Ines-Skala der Internationalen Atomenergiebehörde. Nach dieser Ines-Skala (International Nuclear Event Scala) unterscheidet man insgesamt acht Stufen, nach denen man Vorfälle in Kernkraftwerken an das Amt für Strahlenschutz (BfS) melden muss, eine Behörde des Umweltministers. Die normalen Betriebsstörungen, wie sie bei technischen Anlagen üblich sind und die kein nukleares Gefahrenpotential beinhalten, werden in die unterste Stufe, nämlich in Stufe nNull, eingeordnet. Wenn Abweichungen vom Normalbetrieb auftreten, spricht man von Stufe 1 - in Deutschland bisher erst dreimal passiert! Wenn diese Ereignisse mit Kontamination von nuklearer Strahlung für das Personal auftreten, wird dies als Störfall in die Ines-Skala Stufe 2 eingeordnet und für die Umgebung in Stufe 3, das dann eine eventuelle Abschaltung des Kernreaktors erfordert. Bei Stufe 0 und 1 spricht man also von Betriebsstörung und ab der Stufe 2 von Störfall bis zur Explosion mit Stufe 7. Diese Definitionen werden nun von zahlreichen sogenannten Experten bis zum Ex-Umweltminister Trittin und amtierenden Minister Gabriel - unbewusst oder bewusst - verwechselt, so dass Hunderte von durchaus üblichen Betriebsstörungen zu angeblichen Störfällen umgewandelt wurden, um Angst zu erzeugen und um Politik gegen die sogenannte "Atomlobby" zu betreiben!

Wenn man diese Praktiken der Volksverdummung mit den Bewertungen der Ines-Skala einordnet, kann man vergleichbar sagen, diese Aussagen von normalen Politikern sind als "Betriebsstörung" der Öffentlichkeit anzusehen, insbesondere in Zeiten von Wahlkämpfen. Wenn aber diese Methoden von Personen mit größerer Verantwortung wie von einem Ex-Minister oder einem amtierenden Bundesminister, gleichgültig von welcher Partei, praktiziert werden, die ja eine unbestreitbare "Kontamination" und Vergiftung der Öffentlichkeit beinhalten (und sicherlich auch erzielen sollen), dann sollte man diesen Betrieb schleunigst abschalten. Dies sind "Störfälle" analog zur Ines-Skala mit mehreren schweren Ausfällen, die analog zur Stilllegung des Betriebes beziehungsweise des Ministeriums führen müssen. Die deutsche Industrie braucht eine einheitliche Stimme mit Sachverstand für ein energiepolitisches Konzept zur Stromproduktion, auch international, nämlich das für Energiepolitik zuständige Wirtschaftsministerium..

DR.-ING. JÖRG KREKEL, ESSEN

Sonntag, 20. September 2009

"Katyń" von Andrzej Wajda

Fluß Moskwa südwestlich von Moskau am 17.09.2009

Die wahre Geschichte einer blutigen Lüge


Eine Rekonstruktion, ein Stück Autobiographie, ein Schlüsselfilm über die polnische Nachkriegszeit - das alles ist Andrzej Wajdas "Das Massaker von Katyn".

Am Ende, als die Züge mit den Gefangenen entladen werden, als die schwarzen Lastwagen und die großen Bagger anrücken und die Henker mit den Armeerevolvern ihr grausiges Handwerk beginnen, ist dieser Film ganz einfach und klar. Man sieht, wie die Männer mit den grünen Uniformen, viele von ihnen im Generals- und Majorsrang, aus den Lastwagen gezogen werden, wie sie mit zitternden Lippen ihr letztes Vaterunser sprechen, während man ihnen Stricke um Hals und Hände bindet, wie der Genickschuss ihre Köpfe zerfetzt und sie mit blutiger Stirn vornüberfallen, bis ihre Körper in frisch ausgehobenen Gruben in langen Reihen neben- und übereinanderliegen. Planierraupen beginnen damit, die Leichen mit Erde zu bedecken. So, sagt der Film, ist es gewesen, so geschah es in Katyn im Frühjahr 1940, und kein Fragen und Zweifeln löscht diese Bilder wieder aus.

Zuvor aber, eineinhalb Stunden lang, hat der Film selbst gefragt, gezweifelt und argumentiert. Er hat Figuren und Dialoge, Wochenschaubilder und Spielszenen zu einem vertrackten Mosaik aus Fiktionen und Dokumenten zusammengesetzt, um der geschichtlichen Wahrheit auf den Grund zu gehen - und so eine ganz andere Geschichte über Katyn erzählt. Nicht die Geschichte des Massakers, sondern die seiner Interpretation, seiner Indienstnahme, seiner Entstellung. Die Geschichte einer Lüge, die auf den Massengräbern wuchs. Und die Geschichte des Staates, der auf dieser Lüge gegründet wurde: die Geschichte des sozialistischen Polen. Der Film zerfällt in zwei Teile, eine lange Erzählung der Lebenden und eine kurze Erzählung der Toten, und es ist gerade diese Uneinheitlichkeit, diese dramaturgische Unwucht, die Andrzej Wajdas "Massaker von Katyn" so faszinierend macht.

Unter den vielen Traumata der polnischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist Katyn eines der schrecklichsten. Im April und Mai 1940 ermordeten und verscharrten Einheiten des sowjetischen Innenministeriums NKWD in dem westrussischen Ort und in zwei anderen Gefangenenlagern etwa fünfzehntausend polnische Armeeangehörige und Zivilisten: Lehrer, Journalisten, Schriftsteller, Anwälte, Chirurgen, Ingenieure - die Hälfte des Offizierskorps und die Blüte der polnischen Intelligenz. Als die deutsche Wehrmacht die Massengräber im Wald von Katyn Anfang 1943 entdeckte, berief sie eine internationale Expertenkommission ein, an der auch Exilpolen teilnahmen, und schlachtete deren Ergebnisse für ihre antibolschewistische Kriegspropaganda aus.

Nach der Rückeroberung des Gebiets Ende 1943 stellte die Sowjetunion eine eigene Untersuchungskommission zusammen, die das Massaker mit Hilfe gefälschter Beweise den Deutschen in die Schuhe schob. Im kommunistischen Ostblock wurde diese Lüge zur offiziellen Geschichtsdoktrin. In Polen war selbst die Erwähnung des Ortsnamens jahrzehntelang verboten. Erst 1990 gestand Michail Gorbatschow offiziell die sowjetische Täterschaft ein. Zwei Jahre später übergab der russische Präsident Jelzin dem polnischen Staat eine Akte, in der die Schuld Stalins und seines NKWD-Chefs Lawrenti Berija dokumentiert ist.

Unter den Toten von Katyn war auch Leutnant Jakub Wajda, der Vater des Regisseurs. Seine Witwe, eine Lehrerin, klammerte sich viele Jahre lang an die Illusion, ihr Mann würde eines Tages heimkehren. Der Film erzählt, wenn auch mit anderen Namen und familiären Konstellationen, ihre Geschichte. Sie beginnt Ende September 1939, als sich flüchtende Zivilisten auf einer Flussbrücke in Ostpolen zusammendrängen. Die Lage ist aussichtslos: Im Westen steht die Wehrmacht, im Osten die Rote Armee. Aber Anna (Maja Ostaszewska) zieht weiter, um ihren Mann Andrzej (Artur Zmijewski), einen Offizier der polnischen Armee, vor dem Abtransport in ein russisches Gefangenenlager ein letztes Mal zu sehen. Drei Jahre später, als bekannt wird, was in Katyn geschah, stellt Anna erleichtert fest, dass sich der Name ihres Mannes nicht auf der Liste der Toten befindet. Den Grund dafür haben wir in einer Parallelhandlung erfahren: Andrzej hat sich von einem Kameraden dessen Pullover mit eingesticktem Namen schenken lassen. Seine Frau ahnt davon nichts.

Nach dem Krieg taucht jener Armeekamerad (Andrzej Chyra), der sich den polnischen Einheiten der Roten Armee angeschlossen hat, bei Anna auf, um ihr den Tod ihres Mannes zu verkünden und ihr seinen Schutz anzubieten. Sie weist ihn ab. Er übergibt seine Beweisstücke - darunter das Tagebuch des Toten - einer Widerstandsgruppe. Kurz darauf, nach einem Streit im Offizierskasino über die Schuld an den Massakern, erschießt er sich. Einige Wochen später erhält Anna das Tagebuch Andrzejs.

Das ist der eine, längere Strang der Geschichte. Der andere, ein wenig kürzere handelt von der Frau eines Generals (Danuta Stenka), deren Mann ebenfalls in Katyn ermordet wurde. Die Gestapo will ihre Trauer für Propagandazwecke ausnutzen. Sie verweigert sich. Nach Kriegsende kommen ihre Kinder, die im polnischen Widerstand gekämpft haben, nach Krakau zurück. Ihr Sohn stirbt auf der Flucht vor einer russischen Armeepatrouille. Um seinen Grabstein zu bezahlen, verkauft seine Schwester ihr blondes Haar an eine Schauspielerin, die ihre Haare in Auschwitz verloren hat. "Wer die Haare eines anderen trägt, übernimmt seine Last", sagt der Friseur, der den Schopf abschneidet.

In solchen Szenen überschreitet die Symbolik des Films die Grenze zum Zwanghaften. Man sieht, wie Wajda sich müht, den Blick von seiner eigenen Biographie auf das kollektive Schicksal umzulenken, wie er Figuren erfindet, um Standpunkte zu erläutern und nicht, weil sie dramaturgisch notwendig wären. Da ist eine Kunstprofessorin, die offenbar nur auftaucht, damit sie verkünden kann, es werde ein freies Polen niemals mehr geben; oder jener Arzt, der die Dokumente von Katyn einmauern lässt, um sie vor den Häschern des kommunistischen Staates zu verstecken. Solche Menschen hat es hunderttausendfach in der Nachkriegsgeschichte Polens gegeben, und es gibt sie hundertfach in Wajdas Filmen seit "Der Kanal" und "Asche und Diamant". Hier aber wirken sie aufgesetzt. Am Ende ist "Das Massaker von Katyn" doch allein Annas Geschichte: das Drama einer vergeblichen Hoffnung und einer unerträglichen Wahrheit.

Diese Wahrheit zeigen die letzten zwanzig Minuten des Films. Was kein Zeuge je erzählt, kein Kameraauge erblickt hat, wird in ihnen mit quälender Gründlichkeit enthüllt, vom Kaliber der Mordwaffen bis zum Abdruck der russischen Armeestiefel in der Blutlache, die sich am Boden des Erschießungskellers gebildet hat. Man kann diese Bilder übertrieben grausam finden, maßlos in ihrer Akribie. Aber um ihretwillen ist "Das Massaker von Katyn" gedreht und produziert worden. Polen hat auf diesen Film sechzig Jahre lang gewartet. Im Vergleich dazu sind zwanzig Kinominuten ein Wimpernschlag.

ANDREAS KILB


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2009, Nr. 217, S. 34

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"Katyń" Wajdy "najdłużej i najmocniej oczekiwanym polskim filmem"

PAP | dodane 2007-04-11 (15:05)


"Katyń" w reżyserii Andrzeja Wajdy to "dzieło najdłużej i najmocniej oczekiwane spośród polskich dzieł filmowych" - ocenił na konferencji prasowej w Warszawie minister kultury i dziedzictwa narodowego Kazimierz Michał Ujazdowski.

Z ministrem zgodziła się dyrektor Polskiego Instytutu Sztuki Filmowej (PISF), Agnieszka Odorowicz. To być może najbardziej oczekiwany polski film ostatnich kilkudziesięciu lat - uznała Odorowicz.

"Katyń" to nowy tytuł nadany filmowi Wajdy, wcześniej dramat określano jako "Post Mortem. Opowieść katyńska". Na środowej konferencji po raz pierwszy pokazano dziennikarzom fragmenty filmu. Przypomniano, że jego uroczysta premiera odbędzie się 17 września w Teatrze Wielkim w Warszawie.

To coś więcej niż film. To również wypełnienie zobowiązania wobec pokoleń, które przeżyły wojnę, okupację, a potem lata zniewolenia. I wielkie wyzwanie przekazania prawdy młodemu pokoleniu - powiedziała szefowa PISF. Minister Ujazdowski podkreślił zaś, że film ten nie powinien być "pojmowany wyłącznie jako lekcja historii, gdyż to przede wszystkim dzieło artystyczne".

Sam Wajda zapowiedział, że "Katyń" nie przedstawi z pewnością wszystkich historycznych aspektów związanych z tą tragedią. Tytuł bierze na siebie bardzo ciężkie jarzmo. Może z niego wynikać, że film zawiera wszystkie historyczne aspekty, a to przecież niemożliwe. On opowiada historie o ludziach - ocenił reżyser.

Mówiąc o "Katyniu", Wajda wspominał reakcje publiczności na swój inny film - "Kanał" z 1956 roku. "Kanał" był zrobiony po wydarzeniach Powstania Warszawskiego i rozumiałem dobrze wszystkie żale; głosy, które zwracały się do mnie, że nie uwzględniłem różnych aspektów, że opowiedziałem jedynie tę historię - powiedział.

Wajda podkreślił, że decyzja o zrealizowaniu filmu na temat tragedii katyńskiej była dla niego najtrudniejszą w życiu. "Katyń" to dla reżysera film bardzo osobisty. Ojciec Wajdy, Jakub, oficer Wojska Polskiego, zginął w Katyniu.

Dramat "Katyń" przedstawi losy kobiet - matek, żon i córek polskich oficerów zamordowanych w 1940 roku w lasach katyńskich przez NKWD. Powstał na podstawie powieści Andrzeja Mularczyka. Autorem zdjęć jest Paweł Edelman.

W głównych rolach wystąpili: Jan Englert, Andrzej Chyra, Artur Żmijewski, Paweł Małaszyński, Władysław Kowalski, Maja Ostaszewska, Magdalena Cielecka, Danuta Stenka, Maja Komorowska i Stanisława Celińska.

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Der Film "Katyn" erzählt von einem historisch wahren Massaker im Zeichen des roten Sterns: Im Frühjahr 1940 bringt der russische Geheimdienst 14.000 polnische Kriegsgefangene um.

Wajdas Film "Katyn" hatte in Moskau Premiere

Von Paul Flückiger 20. März 2008, 09:54 Uhr

Dieser Film bewegt: Andrzej Wajdas "Katyn" hatte in Moskau im "Haus des Kinos" Premiere. Wajdas Aufarbeitung des sowjetischen Massenmordes an Tausenden von polnischen Offizieren im April 1940 rührte die Zuschauer sichtlich. Der Vorführung waren wochenlange Verhandlungen voraus gegangen.

Mit reger Anteilnahme hat die polnische Presse die russische Premiere von Andrzej Wajdas Alterswerk „Katyn“ kommentiert. Ziemlich genau einen Monat nach der Berliner Premiere, an der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnahm, wurde Wajdas Film über den sowjetischen Massenmord vom April 1940 in Katyn bei Smolensk an Tausenden von polnischen Offizieren im Moskauer „Haus des Kinos“ gezeigt. Unter den gut tausend geladenen Gästen befand sich der russische Präsidentenberater für die Beziehungen zur Europäischen Union, Sergej Jastrzemski. „Ich bin sehr gerührt, dass dieser Film in Moskau gezeigt wird“, kommentierte Andrzej Wajda die russische Premiere. „Nie hätte ich gedacht, dass es dazu kommt.“

Tatsächlich waren der Vorführung wochenlange Verhandlungen vorausgegangen. Das Anliegen Wajdas soll demnach im Februar vom polnischen Regierungschef Donald Tusk direkt bei Putin vorgetragen worden sein. Die russische Militärstaatsanwaltschaft hatte den Polen während Putins Präsidentschaft eine Öffnung der Archivbestände zu Katyn verweigert, obwohl sowohl Michail Gorbatschew als auch Boris Jelzin sich offiziell für das Massaker entschuldigt hatten. Russische Zeitungen hatten zum Jahresbeginn dennoch die alte Sowjetpropaganda hervorgekramt und behauptet, die polnischen Offiziere seien 1941 von den Nazis ermordet worden.

„Wäre diese Tragödie nicht jahrzehntelang mit Lügen überzogen worden, hätte ich diesen Film nicht drehen müssen“, sagte Wajda, der in Katyn seinen Vater verloren hat. „Der Regisseur ist sehr delikat mit den schwierigsten Themen umgegangen“, lobte der russische Präsidentenberater Jastrzembski. Ähnlich wie in Polen, wo bisher weit über eine Million Zuschauer „Katyn“ gesehen haben, hätten auch in Moskau viele Zuschauer das Kino mit Tränen in den Augen verlassen. Auch die russische Presse lobte den Film, gab ihm allerdings kaum Chancen auf einen Vertrieb in regulären Kinos.

Sonntag, 13. September 2009

Polnische Perspektive


Refrath Saahler Mühle


Von Dan Diner


Vor siebzig Jahren wurde in Moskau der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen – ein unheimliches Zeichen der Zeit


Am 24. August 1939 wurde in Moskau – mit dem Datum vom 23. August – der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet: vom deutschen Reichsaussenminister Joachim von Ribbentrop und vom sowjetischen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw Molotow. Seine historischen Voraussetzungen waren ebenso komplex wie seine Folgen.


Polnische Perspektive


Als der «imperialistische» Krieg im Frühsommer 1940 indes wider sowjetisches Erwarten keineswegs die erhofften Muster des Grossen Krieges der Jahre 1914/18 wiederholte, sondern stattdessen in einem für alle überraschenden französischen Zusammenbruch endete, klangen die damals von Molotow der Reichsführung übermittelten Glückwünsche schon erheblich verhaltener. Und als die Sowjetunion als Reaktion auf den deutschen Sieg über Frankreich die baltischen Staaten und Bessarabien überhastet annektierte, stiess dieses Vorgehen in Berlin nicht gerade auf einhellige Zustimmung. Zunehmend bildeten sich am Horizont die Konturen zukünftiger deutsch-sowjetischer Zwistigkeiten aus – dies vor allem anhand widerstreitender Bestrebungen auf dem Balkan, genauer in Bulgarien. Dies alles freilich ganz unabhängig von dem ideologisch feststehenden Begehren Hitlers, die Sowjetunion alsbald in einem verheerenden Vernichtungskrieg niederzuwerfen.


Aus polnischer Perspektive, vor dem Hintergrund leidvoller, geopolitisch bedingter Erfahrung mit übermächtigen Nachbarn im Westen und Osten, nahm sich das deutsch-sowjetische Zusammenspiel des Jahres 1939 aus wie eine historische Wiederholung. Erlebt wurden der deutsche Überfall und die sowjetische Teilnahme als vierte Teilung Polens – freilich verschärft um ein ideologisches Novum: den als gleichermassen totalitär erfahrenen Charakter des Nationalsozialismus deutscher und des Kommunismus russischer Prägung. Der sich daraus ergebende polnische Antitotalitarismus ist dieser Umstände wegen national imprägniert. Die tragische machtpolitische Konstellation des zwischen Deutschland und Russland gelegenen Landes wird in ein freiheitliches, tief im 19. Jahrhundert verwurzeltes Pathos übergeführt. So wird der 23. August 1939 auch zu einer Art von Gründungsdatum der Verkehrung all dessen, was der Tugend der ersehnten Freiheit in Gestalt der polnischen Nation entspricht.


Die Totalitarismustheorie


Auch für die westliche, vornehmlich angelsächsische Vorstellung von Totalitarismus ist der 23. August 1939 so etwas wie ein Gründungsdatum, wenn auch von einer anderen Art. Die anfängliche Bestürzung im Westen darüber, dass offensichtlich antagonistische Regime wie Nationalsozialismus und Kommunismus über Nacht ihre Gegensätze hintanzustellen in der Lage sind, um gemeinsam zu handeln, hat der späterhin wirksamen Theorie vom Totalitarismus Auftrieb gegeben – vor allem in der Zeit des Kalten Krieges. Die Gemeinsamkeit zwischen roter und brauner Diktatur wurde in der institutionellen Ungebundenheit politischen Handelns ausgemacht. Allein Diktatoren des Typs von Hitler und Stalin und die von ihnen verkörperten Regime vermochten es, gleichsam aus dem Stand heraus, ohne Vorbereitung der öffentlichen Meinung, ohne parlamentarische, ohne repräsentative Abstützung eine sich dem gesunden Menschenverstand bzw. dem Geist der Zeit verschliessende Konstellation herbeizuführen. In Verbindung mit der auf «München 1938» folgenden Enttäuschung verdichtete sich das Bild der späten dreissiger Jahre zu einem Menetekel, auf das die Totalitarismustheorie die realistische – und für die politische Kultur des Westens insgesamt grundlegende – Antwort sein wollte.Dan Diner ist Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem sowie Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur der Universität Leipzig.


22. August 2009, Neue Zürcher Zeitung


Sonntag, 6. September 2009

Lebensweisheiten - Epiktet

Der See Czos bei Mrągowo




Versuchung und Widerstand
Vergiss nicht, bei jedem Vorfall in dich zu gehen und zu untersuchen, welches Mittel du besitzt, um daraus Nutzen zu ziehen:
Erblickst du einen Schönen oder eine Schöne, so wirst du ein Mittel dagegen finden – die Selbstbeherrschung, kommt Anstrengung, so findest du Ausdauer, kommt Schmach so findest du Kraft zum Erdulden des Bösen. Und wenn du dir das zur Gewohnheit machst, wird dich die Verstellung nicht hinreißen.


Was kostet Gemütsruhe
Fange also mit geringfügigen Dingen an: man verschüttet dir dein bisschen Öl, man stiehlt dir dein Restchen Wein. Denke dabei: So teuer kauft man Gelassenheit! So teuer Gemütsruhe! Umsonst bekommt man nichts!

Selbstverleugnung
Vergiss nicht, dass du dich im Leben wie bei einem Gastmahl betragen musst: Man bietet etwas herum, und es gelang zu dir. Strecke die Hand aus und nimm bescheiden davon; es geht an dir vorüber - halte es nicht auf, es will immer noch nicht kommen – blicke nicht aus der Ferne begehrlich darauf hin, sondern warte, bis es an dich kommt. Ebenso halte es im Bezug auf Kinder, Frauen, Ämter und Reichtum. Dann wirst du einst ein würdiger Tischgenosse der Götter sein. ...


Aus "Das Buch vom geglücken Leben"