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Donnerstag, 2. Oktober 2008

Zehn Börsenregeln für Anleger Teil 4

Fortsetzung

  • "9. „Wenn alle Experten und alle Voraussagen übereinstimmen, entwickeln sich die Dinge ganz anders.“

Auf dem ersten Blick mag diese Regel nach Rosenbergs Urteil etwas zynisch erscheinen. Doch in Wirklichkeit sei sie es nicht. Sir John Templeton habe es einmal einfach ausgedrückt: „Kursgipfel stellen sich ein, wenn der Optimismus der Anleger seinen Höhepunkt erreicht. Die Kurse fallen auf Tiefs und bilden dann einen Boden, wenn der Pessimismus der Anleger seinen Tiefststand erreicht.“ Rosenberg erinnert an den Aufmacher der Business Week im August 1979, der den „Tod der Aktie“ verkündete. Drei Jahre später habe die größte Hausse aller Zeiten begonnen. Anderes agieren Anleger, die nicht der Masse folgen, sondern der gegenteiligen Meinung („contrary opinion“) folgen: Immer ein Stinktier beim Picknick, wenn die Börse in die Lüfte schieße. Und immer ein einsamer Rufer in der Wüste, wenn die Kurse schier endlos fielen, obgleich die Bewertung der Aktien immer attraktiver werde und sich die fundamentalen Daten bestechend besserten.

  • 10. „Eine Hausse bereitet mehr Vergnügen als eine Baisse.“

Das klingt wie eine Plattitüde, aber der Sinn des Hinweises besteht darin, vor Überschwang zu warnen. Eine Hausse ist nach Rosenberg für Verkäufer von Finanzprodukten wie eine Investmentbank vergnüglicher als für den Käufer: Die Bank freuet sich nicht nur über die Zufriedenheit des Kunden, sondern die Hausse ermöglicht zusätzliche Geschäfte wie Börsengänge oder die Begleitung von Kapitalerhöhungen. Daher neigten Ökonomen und Anlagestrategen oder Verkäufer in solchen Phasen zu einer übersteigerten Euphorie, die es zu verhindern gelte.

Derzeit rät Rosenberg zusammen mit den Anlagestrategen von Merrill Lynch zu einer konservativen Strategie bei Aktien und zu einer Übergewichtung erstklassiger Zinstitel. Zugleich suche er sorgfältig nach Hinweisen, die optimistischer für Aktien, für die Entwicklung der Immobilienpreise und für das allgemeine Wirtschaftswachstum stimmen könnten, erklärt er."

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Zehn Börsenregeln für Anleger Teil 3

von Arnd Hildebrandt nach David Rosenberg stammend von Robert Farrell

Fortsetzung:


  • „6 „Angst und Gier sind stärker als die Entschlossenheit zum langfristigen Handeln.“


Zum Ende des vergangenen Jahrzehnts hin hätten die Anleger gelernt, sich in Qualitätsaktien zu engagieren, um ihr Eigenkapital zu erhalten, erinnert Rosenberg. Entschlossen hätten sie daher zunächst das Spekulieren zwar gemieden, aber letztlich nicht die Kraft aufgebracht, dem scheinbar endlos steigenden Kursen der Technologiewerte zu widerstehen.

Dies war ein Fall, in dem Gier stärker gewesen ist als die strategische Entschlossenheit zum Kapitalerhalt. Nach dem Kurseinbruch 2000 hätten viele Anleger ihre Bestände bis zum Jahr 2002 stark reduziert. Doch dann hätten sie zusehen müssen, wie sich der Standard &-Poor’s-500-Aktienindex in den folgenden fünf Jahren mehr als verdoppelte.

Bevor man in der aktuellen Marktlage für Aktien wieder optimistisch werden könne, müsse die Entschlossenheit der Masse zum Erhalt des Eigenkapitals der Furcht vor weitern Kursverlusten weichen. Die frühen Phasen einer neuen Hausse stehen üblicherweise im Zeichen der Angst der Anleger vor weitern Verlusten.

  • 7 „Breite, umsatzstarke Märkte sind am festesten. Am schwächsten sind sie, wenn sie nur von einer Handvoll Qualitätsaktien getragen werden.“


Diese Regel habe sich während der jüngsten Entwicklung an den Rohstoffen wieder einmal bestätigt, als der Ölmarkt zum Schluss der Einzige gewesen sei, der immer neue Rekordhöhen erreichte, erläutert Rosenberg. In der Spätphase der spekulativen Blase im Jahre 2000 sei das Geschehen zuletzt fast ausschließlich von wenigen Aktien wie Intel, Microsoft, Sun und Cisco bestimmt worden. Dies sei ein deutlicher Hinweis auf Schwäche des Marktes gewesen.

Umgekehrt gilt das auch für starke Marktphasen: Als das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in den späten siebziger Jahren mit 7 eine konjunkturbedingte Talsohle erreichte, seien Wachstumswerte wie Merck und Pfizer mit einem KGV von 12 bis 14 gehandelt worden. Konjunkturempfindliche Aktien wie Ford und General Electric hätten hingegen mit 3 bis 5 notiert. Rosenberg kommentiert: Der gesamte Aktienmarkt sei damals billig gewesen, doch viele Anleger wollten nicht kaufen. Im August 1982 begann dann eine langjährige Hausse. Auf deren Gipfelt 2007 sei es wiederum nur eine geringe Zahl von Aktiengruppen und einzelner Aktien gewesen, die den Markt anführten.

  • 8, „Eine Baisse verläuft in drei Stufen: ein erster scharfer Einbruch, eine Reflexerholung und dann eine ausgedehnte Abwärtsbewegung.“


Diese Regel sei mit Blick auf die im Jahr 2000 beobachteten Ereignisse an der Wall Street aufschlussreich, erklärt Rosenberg. Von 2000 bis 2002 sei das Kursniveau stark zurückgegangen (A-Welle), gefolgt von einer Reflexerholung (B-Welle). Obwohl dieser Aufschwung die Indizes nicht auf neue Rekordhöhen getragen habe, erinnert er doch sehr an die noch kräftigere Erholung der Jahre 1932 bis 1936. Bei der Betrachtung der jüngsten Vergangenheit könne man einerseits sagen, dass ein scharfer Einbruch stattfand (2000 bis 2002), dem einen reflexartige Erholung folgte (2002 bis 2007), fährt der Stratege fort. Nun werde wohl eine langgezogene Abwärtsbewegung auf neue Tiefpunkte bevorstehen (C-Welle). Eine andere Deutung sei aber wahrscheinlicher: Mi den Aufschwüngen des Standard & Poor’s 500 in den Jahren 2000 und 2007 bildete er eine langjährige Gipfelformation. Gegenwärtig könnte, rein technisch gesprochen, eher eine A-Welle ablaufen, als dass der Beginn einer C-Welle zu vermuten wäre.

Doch wie auch immer: Man müsse sich stets vor Augen halten, dass langfristige Trends nie gradlinig verlaufen, schreibt Rosenberg. Daher habe man sich immer wieder der Mühe zu unterziehen, den Charakter von Bewegungen zu ergründen: Sind sinkende Kurse nur Korrekturen im Rahmen langfristiger Aufwärtstrends? Sind Aufschwünge lediglich Zwischenerholungen im Rahmen einer langfristigen Baisse?“


Text: FAZ, 27. September 2008, Seite 20

Fortsetzung folgt

Dienstag, 30. September 2008

Zehn Börsenregeln für Anleger Teil 2

von Arnd Hildebrandt nach David Rosenberg stammend von Robert Farrell

Fortsetzung:

  • 3. „Die breite Masse kauft auf Kursgipfeln am stärksten und in der Talsohle am wenigsten.“
Diese Regel Robert Farrells sagt nach Rosenbergs Interpretation ganz einfach, dass der Mensch gewöhnlich linear denkt. Die breite Masse habe an den Finanzmärkten stets Schwierigkeiten, Dinge zu verkaufen, deren Preis steigt, und Dinge selbst dann zu kaufen, wenn ihr Preis fällt und sie damit an Wert gewinnen.
Finanzprodukte sind nicht wie Spargel, erklärt Rosenberg lapidar. Wenn der Spargelpreis steige, kauften die Leute entweder weniger, oder sie entschieden sich für Spinat. In der Welt der Kapitalanlage verhalte es sich anders. Hier kauften die Leute, weil sie hofften, dass die Kurse weiter steigen. Und sie verkauften, weil sie fürchteten, das die Kurse weiter fallen.

  • 4 „Marktbewegungen mit rapide steigenden oder fallenden Kursen ziehen sich weiter hin, als man meist denkt. Sie korrigieren nie in einer Seitwärtsbewegung.“
Auch diese Regel ist eine nähere Ausgestaltung von Farrells Feststellung, dass das Pendel der Uhr beständig von einem Extrem zum anderen schwingt. Rosenberg bezieht sich in seiner Erläuterung auf die in den vergangenen fünf Jahren entstandene Blase im Bereich der Vermögenswerte. Diese Blase habe sich viel weiter ausgedehnt, als es sich irgendjemand zunächst hätte vorstellen können, stellt der Stratege fest. Ihre Ursache sei eine extrem laxe Kreditvergabe der Finanzinstitute gewesen. Blicke man auf den Ölpreis, so erkenne man, dass er von 2003 an zunächst von 20 Dollar auf 70 Dollar je Barrel gestiegen sei. Als die anfängliche Manie schließlich eine Blase habe entstehen lassen, sei er im Sommer 2008 auf bis zu 146 Dollar gestiegen.

Dazu meint Farrell: Kommt es zu exponentiell steigenden oder fallenden Preisen, wollte man nicht annehmen, dass es dann mit einer Korrektur in Form einer stabilen Seitwärtsbewegung getan ist. Exponentielle Preissteigerungen haben ihre Ursache letztlich darin, dass sich viele Käufer der Hebelwirkung von Krediten („leverage“) bedienen. Dies mache es den Märkten unmöglich, außerordentlich stark wachsendes Kaufpotential zu verkraften und sich dazu noch geordnet zu entwickeln. Gleiches gelte, nur mit umgekehrten Vorzeichen, wenn die Preise fallen.

  • 5 „Exzessen in einer Richtung folgen Exzesse in der Gegenrichtung.“
Diese Regel folgt aus Farrells „Regel Nummer eins“. Die bildliche Brücke schlägt die Aussage des Technikers, das Pendel (einer Uhr) schwinge von einem Extrem zum anderen. David Rosenberg wählt den Preis für Rohöl der Sorte „West Texas Intermediate“ (WTI) und erinnert daran, dass dieser 1979 auf den damaligen Rekord von 30 Dollar je Barrel (159 Liter) stieg. 1988 habe er bei 12 Dollar und im Jahre 2002 bei 20 Dollar je Barrel gelegen. Über weite Strecken der achtziger und neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinweg habe er sich deutlich unter seinem Mittelwert bewegt, wenn man das Jahr 1979 als Richtgröße nehme.

Diese Aussage gelte besonders bei realer, also inflationsbereinigter Betrachtung. Rosenberg führt dies als einen Fall an, in dem der Preis einmal seinen Mittelwert unterschreitet. Die Wahl des Jahres 1979 und der folgenden mag auf den ersten Blick zwar willkürlich erscheinen, ist aber unter anderem am Beispiel des Ölmarktes auch mit veränderten Zeitsequenzen überzeugend darstellbar.

Wegen der exzessiv niedrigen Preise in den achtziger und in den neunziger Jahren und des davon herrührenden geringen Wachstums der Ölforderung war nach Darstellung von Rosenberg schließlich ein Ausbruch des Preises nach oben hin unausweichlich vorgezeichnet. Ab dem Jahr 2003 hätten die Notierungen beträchtlich über dem langjährigen Mittelwert gelegen. Daran habe sich zwar bis heute grundsätzlich nichts geändert, doch schienen jetzt die Voraussetzungen dafür geschaffen zu sein, dass ein Exzess in die Gegenrichtung in Gang gekommen sein könnte.

Ein weiteres Beispiel bietet nach Ansicht von Rosenberg der amerikanische Immobilienmarkt. Von 2002 bis 2006 seien die Preise dort mit einer durchschnittlichen Jahresrate von 20 Prozent gestiegen. Dieser Markt befinde sich inzwischen ebenfalls auf der Rückkehr zu Mittelwerten. Auch hier gilt nach David Rosenberg: Einer Phase krass anziehender Preise folgt eine Phase krass fallender Preise. Robert Farrell würde sagen: Das Pendel schwingt.“

Text: FAZ, 27. September 2008, Seite 20
Fortsetzung folgt