Freitag, 2. Januar 2009

Schicksal von Elżbieta Dziedzic – Geschichte Polens


Die Irrfahrt der Frau mit den zwei Mädchen


Von Marie Erlwein

September 1941. Zwei Jahre waren vergangen, seit Elzbieta Dziedzic mit ihren beiden Kindern, der fünf Jahre alte Danusia und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Halinka, Kattowitz verlassen hatte. Am 3. September 1939 war die oberschlesische Metropole besetzt worden. Als bald darauf Ausschreitungen gegen Polen und Juden begannen, wollte Wladyslaw Dziedzic, ein Arzt, seine Familie in Sicherheit bringen. Bei seinen Eltern, die in dem Städtchen Zbaraz im Osten des Landes lebten, glaubte er sie sicher. So nahm er auf dem Bahnhof von Kattowitz Abschied von seiner jungen Frau und den beiden kleinen Töchtern. Er ahnte nicht, dass er sie ins Verderben schickte.

Denn die Reise endete nicht in Ostpolen. Elzbieta Dziedzic und ihre beiden Töchter, Danuta und Halina, sollten zu den etwa 850 000 Polen gehören, darunter mehr als 200 000 Kinder, die nach der Besetzung Ostpolens durch die Rote Armee auf Befehl Stalins als "Feinde des Volkes" nach Sibirien, nach Kasachstan oder in den nördlichen Ural deportiert wurden, um jeden Widerstand gegen eine Sowjetisierung Ostpolens im Keim zu ersticken. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpfte Elzbieta Dziedzic in dem Ort ihrer Verbannung in den Weiten der sibirischen Taiga um das eigene Überleben und das ihrer Töchter. Nach mehr als einem Jahr schien der Schrecken ein Ende zu haben: Sie waren frei! Sie ahnten nicht, dass sie noch sechs Jahre und mehrere Kontinente von ihrer Heimat und dem Augenblick trennten, als Wladyslaw Dziedzic seine Famile wieder in die Arme schließen konnte.

Ostpolen war bis zum Jahr 1939 ein multiethnisches Gebiet. Auf einer Fläche von 200 000 Quadratkilometern lebten dreizehn Millionen Menschen: nur fünf Millionen waren Polen, die übrigen Ukrainer, Weißrussen, Russen, Litauer, Juden, Tataren und Deutsche. Das Unheil, das im September 1939 über Ostpolen hereinbrach, hatte in den späten Abendstunden des 23. August im Moskauer Kreml begonnen. Der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop war gekommen, um mit seinem sowjetischen Amtskollegen Wjatscheslaw Molotow einen Pakt zu unterzeichnen, dessen Verwirklichung die Welt schon drei Wochen später mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen musste. Das Dokument selbst, das die beiden Außenminister im Anschluss an ein festliches Abendessen signierten, blieb der Öffentlichkeit lange verborgen. Es ging um nicht weniger als um die Aufteilung Mitteleuropas: Stalin wollte sich Estland, Lettland und Finnland aneignen, Hitler Litauen. Polen sollte unter beiden Imperien aufgeteilt werden.

Knapp zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen überquerte die Rote Armee die polnisch-sowjetische Grenze. Schon einen Tag später beglückwünschten sich die Befehlshaber der deutschen und der sowjetischen Truppen in Brest-Litowsk, gleichsam auf der neuen Demarkationslinie. Unmittelbar nach der Besetzung Ostpolens durch die Sowjetarmee begann der rote Terror. Die nationalen Minderheiten wurden von den Sowjets gegen die Polen aufgewiegelt. Allerorts galt die Losung: "Rächt euch an den polnischen Pans!" Eiligst setzten die neuen Machthaber Wojewodschaftswahlen an. Noch die Gebrechlichsten zerrte man mit Gewalt an die Wahlurnen. Am 2. November 1939 wurde Ostpolen offiziell der Sowjetunion einverleibt.

Mit dem Terror begann eine regelrechte Treibjagd auf die Angehörigen der zerschlagenen polnischen Armee. Eines der ersten Opfer war Wladyslaw Anders, ein 48 Jahre alter General eines Kavallerieregiments in Nowogrodek. Er hatte versucht, die polnisch-rumänische Grenze im Süden zu erreichen, wurde bei Lemberg verwundet und anschließend an den russischen Geheimdienst NKWD verraten. Es folgten tagelange Verhöre. Die Sowjets boten ihm an, in die Rote Armee einzutreten. Als er sich weigerte, wurde er deportiert. Im Februar 1940 kam er nach Moskau in das Gefängnis "Lubianka".

Nach den Militärs waren die gesellschaftlichen Eliten an der Reihe. Jeder, der eine herausgehobene gesellschaftliche Stellung innehatte, wurde als "Feind des Volkes" verhaftet. So geschah es auch in Zbaraz, wohin sich Elzbieta Dziedzic mit ihren beiden Töchtern geflüchtet hatte. Zuerst verschwand der Bürgermeister. Dann ging es Schlag auf Schlag: Ärzte, Änwälte, Apotheker, Lehrer, Notare, Beamte, der katholische Priester und der Rabbi. Das Gefängnis war bald überfüllt. Eines Tages wurden am Bahnhof Viehwaggons zusammengestellt. Am 10. Februar 1940 verließ ein langer Zug das tiefverschneite Städtchen Zbaraz in Richtung Osten.

Dann begann der Schrecken von neuem, wieder wurden Menschen verhaftet: Ehefrauen, Kinder, Großeltern. Wieder wurden am Bahnhof Viehwaggons bereitgestellt. Die Frühlingssonne hatte noch nicht den Schnee auf den umliegenden Feldern geschmolzen, als am 10. April 1940 der zweite Transport Zbaraz verließ.

Inzwischen war es Sommer geworden. Am Abend des 28. Juni hatte Elzbieta Dziedzic ihre beiden Töchter Danusia und Halinka im Haus einer Freundin zu Bett gebracht. In der Nacht hämmerte es an die Tür. Gleich darauf stürmten vier NKWD-Leute ins Zimmer. Alles ging sehr schnell. Sie überprüften ihre Namen, dann folgten ein paar kurze Befehle: "Anziehen! Einpacken!" Den schlaftrunkenen Mädchen zog Elzbieta Sommerkleidchen und Sandalen an. Was sollte sie einpacken? Es gehörte ihr ja nichts. Unschlüssig stand sie herum. Einer der NKWD-Leute breitete auf dem Fußboden eine Decke aus. Wahllos raffte er zusammen, was er finden konnte, und bellte: "Nimm!".

Auf einem Pferdewagen fuhren sie zum Bahnhof. Überall standen Menschen herum. Von bewaffneten Rotarmisten wurden sie in die bereitstehenden Waggons getrieben. Irgendwann saßen auch Elzbieta und ihre beiden kleinen Töchter auf einer Pritsche in einem der Waggons. Als die Tür verriegelt wurde, befanden sich 54 Menschen darin. In der Morgendämmerung des 29. Juni 1940 verließ der dritte Transport Zbaraz in Richtung Osten.

Mehrere Wochen fuhren sie immer in Richtung Osten. Auf der Bahnstation Tinda nahe der Stadt Aldan im Bezirk Jakutsk wurde die menschliche Fracht mehr tot als lebendig entladen. Mit Lastwagen ging es weiter in die Taiga, bis es für die schweren Fahrzeuge im sumpfigen Untergrund kein Durchkommen mehr gab. Auf Pferdeschlitten ging es weiter, bis die den Ort ihrer Bestimmung erreichten: Seligdar Ugolnyj, eine mückenverseuchte Waldlichtung, auf der ein paar Hütten standen. "Hier werdet ihr nun leben", sagte der Lagerkommandant: "In drei Monaten wird es hier Winter sein, dann herrscht strenger Frost. Seht zu, dass ihr euch Hütten baut."

Elzbieta baute keine Hütte, sondern zog in eine, die von ihren Bewohnern verlassen worden war. Sie wurde Waldarbeiterin. Morgens verließ sie mit ihrer Brigade das Lager, spät abends kehrte sie zurück. "Meine Kinder", so schrieb die alte Dame im Jahr 2004 in ihren Erinnerungen, "überließ ich der Vorsehung." Der Arbeitslohn reichte nicht aus, um genügend Lebensmittel zu kaufen. Den Sommer über behalf sie sich mit Beeren und Pilzen. Dann brach der sibirische Winter herein.

Elzbieta wusste, dass die Mädchen diesen Winter nicht überleben würden: nicht in dieser Hütte ohne Ofen und nicht ohne ausreichende Nahrung. Ihre ausgezehrten und von Parasiten zerstochenen kleinen Körper wurden von Fieberschüben geschüttelt. Wenn sie schon sterben müssten, dachte Elzbieta, dann sollte ihr Leben nicht einfach erlöschen, kampflos und leise. Die Frau schlug den Krach ihres Lebens. Sie tobte wie eine Furie, bis ihr der Lagerkommandant versprach, sie und die Kinder am nächsten Morgen in die Krankenstation zu bringen. Eine junge russische Ärztin zögerte ihre Entlassung aus der Krankenstation so lange hinaus, dass sie dadurch selbst in Gefahr geriet und eines Tages verschwand.

Waldarbeit musste Elzbieta fortan nicht mehr verrichten. Sie wurde zum Latrinenputzen in ein Strafgefangenenlager abkommandiert, in dem sogenannte Kulaken seit Jahren dahinvegetierten. Auch Danusia und Halinka überließ sie nicht mehr der Vorsehung allein. Sie nahm sie mit, wenn sie sich am Morgen auf den Weg machte zu diesen bärtigen, wilden "Bestien", vor denen sie sich anfangs so sehr fürchtete und in deren Augen Tränen schimmerten, wenn sie die junge Frau mit den kleinen Mädchen kommen sahen.

"Sind Sie der Ansicht, dass wir das verdient haben?", soll Außenminister Molotow den deutschen Botschafter in Moskau, Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, gefragt haben, als dieser ihm am 22. Juni 1941 im Kreml Hitlers Kriegserklärung übermittelte. Zu diesem Zeitpunkt saß General Anders eineinhalb Jahre im Gefängnis "Lubianka". Am 4. August 1941 öffnete sich die Zellentür, Untersuchungsbeamte traten ein und erklärten ihm, sie hätten den Befehl, ihn zu Berjia zu bringen. Lawrentij Berjia, Volkskommissar des Inneren und oberster Aufseher über die sowjetischen Lager, empfing Anders mit ausgesuchter Höflichkeit, bot ihm Tee und Zigaretten an. Dann kam er zur Sache: Heimtückisch seien die Deutschen in die Sowjetunion eingefallen. Jetzt müssten sich die westlichen Mächte zusammentun, um sie zu vernichten. Mit England habe sich die Sowjetunion schon verbündet. Auch mit Polen wolle man wieder zusammenarbeiten. Es sei geplant, auf sowjetischem Boden eine polnische Armee aufzustellen, und gewiss sei niemand geeigneter für diese Aufgabe als er, General Anders. Und was seine Landsleute in der Sowjetunion betreffe: alle würden amnestiert. Anders misstraute Berjia. Doch hatten, wie er bald danach erfuhr, der polnische Ministerpräsident Sikorski und der sowjetische Botschafter Majski am 30. Juni in London ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet.

Im September 1941 flog General Anders von Moskau nach Buzuluk, einem Ort am Unterlauf der Wolga. Die Sowjets hatten ihn nicht zuletzt deshalb als Hauptquartier der polnischen Armee ausgewählt, weil er nahe der Stadt Kujbyschew lag. Dorthin übersiedelte die sowjetische Regierung, als die Wehrmacht der russischen Hauptstadt immer näher kam.

Wie viele der polnischen Generäle, Offiziere und Soldaten, die unmittelbar nach der Okkupation Ostpolens in die Sowjetunion deportiert wurden, waren überhaupt noch am Leben? Wo waren sie zu finden? Anders konnte es nicht wissen. So tat er, was ihm in seiner schier ausweglosen Lage zu tun möglich war. Er verfasste einen Aufruf an alle in der Sowjetunion inhaftierten polnischen Militärs, sich der neu zu gründenden polnischen Armee unter seiner Führung anzuschließen und ihre Pflichten gegenüber dem Vaterland zu erfüllen.

Sie kamen in Scharen! Tausende Kilometer legten sie unter schwierigsten Bedingungen zurück, in Eisenbahnwaggons, auf Lastwagen, zu Fuß. Aus zahllosen Gefangenenlagern machten sie sich auf den Weg. Wer das Ziel erreichte, glich eher einem Skelett als einem lebendigen Menschen. "Kann man aus diesen Menschen eine Armee bilden?", dachte der General.

In den Baracken in Seligdar Ugolnyj herrschte eine fieberhafte Erregung, seit der Lagerkommandant den Gefangenen mitgeteilt hatte, sie seien frei. An einem Morgen im September 1941 brachen sie auf: neun Erwachsene und sieben Kinder, darunter Elzbieta und ihre beiden Töchter. Mit jedem Schritt, mit dem sie sich vom Lager entfernten, wähnten sie sich ihrer Heimat näher. Immer in Richtung Westen mussten sie gehen, dort lag Polen. Von einer Armee, die ein polnischer General aufbauen sollte, hatten sie nichts gehört.

Sie kamen nur mühsam voran, oftmals zu Fuß. Sie schliefen in verlassenen Hütten, in Hühnerställen. Sie verkauften das Wenige, das sie in ihren Bündeln mit sich schleppten, oder tauschten es gegen Brot, und zogen weiter: bei Regen, bei klirrendem Frost, bei glühender Hitze. Im Frühjahr 1942 erreichten die neun Überlebenden der Gruppe Buchara.

Elzbieta fand Arbeit auf einer Baumwollkolchose und eine Hütte, in der sie mit Danusia und Halinka bleiben konnte. Dann erkrankte sie an Typhus. Bevor sie in ein Krankenhaus kam, versprachen ihr zwei Polinnen, sich um die Kinder zu kümmern. Als sie nach drei Wochen, schwach und kahlgeschoren, zur Hütte zurückkehrte, fand sie die Tür verschlossen, von Danusia und Halinka keine Spur.

Etwa zur gleichen Zeit, im Frühjahr 1942, kämpfte General Anders einen verzweifelten Kampf. Auf Anordnung der Sowjets war das Hauptquartier nach Jungi-Jul, in die Nähe Taschkents, verlegt worden. Die Menschen strömten nun hierher, mehr als tausend, Tag für Tag. Unter den Ankommenden befanden sich immer mehr Frauen und Kinder. Auf ihrer Wanderschaft in Richtung Heimat hatten sie von der polnischen Armee erfahren - und dass es bei ihr zu essen gab.

In Jungi-Jul fehlte es aber an allem: an Nahrung, an Zelten. Krankheiten grassierten, massenweise starben die Menschen. In dieser verweifelten Situation gelang es General Anders, Stalin davon zu überzeugen, die Armee nach Iran zu verlegen, und mit ihr, gleichsam als "Angehörige der Armee", die Frauen und Kinder: nur in Iran sei eine ausreichende Vorsorgung der Armee durch die Briten möglich.

Anders hatte Stalin gegenüber geblufft, denn mit den Briten war nichts dergleichen geregelt. Am 24. März begann der Abtransport. Lastwagen brachten die Menschen von Jungi-Jul nach Krasnowodsk am Kaspischen Meer. 40 000 Menschen gelangten bis Anfang April über das Kaspische Meer nach Pahlevi. Dann kam der Befehl aus Moskau: "Keine weitere Evakuierung!" "Der Tod", schrieb Anders 1947, "hatte eine reiche Ernte."

Von all dem ahnte Elzbieta Dziedzic nicht das Geringste, als sie sich auf die Suche nach ihren verschwundenen Mädchen machte. Sie fand einen Usbeken, der ihr versprach, sie mit seinem Pferdefuhrwerk zu den usbekischen Siedlungen zu bringen. Nach fünf Wochen fand sie ihre Kinder wieder. Eine usbekische Familie hatte sich ihrer erbarmt, als die beiden Polinnen, die inzwischen von der polnischen Armee erfahren hatten, aufbrechen wollten. So erfuhr auch Elzbieta von der "Anders-Armee".

Wieder machte sie sich auf den Weg. Als sie in Taschkent ankam, war die Stadt voll verzweifelt wartender Menschen, die alles daransetzten, nach Jungi-Jul zu gelangen. Elzbieta begriff: Auch sie musste dorthin, um sich und die beiden Mädchen registrieren zu lassen und einen Platz auf einem Schiff zu bekommen. Sie fuhr mit dem Zug nach Jungi-Jul, ohne Geld und ohne Fahrschein. Eines Tages hielt sie dann aber die Papiere in den Händen, die ihr und den Mädchen den Weg in die Freiheit eröffneten. Im August 1942 hatte sich General Anders über alle Widrigkeiten von Seiten der Sowjets hinweggesetzt: Die zweite Verlegung über das Kaspische Meer begann. Unter den Glücklichen, die mit dem letzten Schiff Krasnowodsk verließen, waren Elzbieta Dziedzic und ihre beiden Töchter, Danusia und Halinka.

Im Jahre 1943 soll Berjia gegenüber Stalin geäußert haben, dass im Zuge der Amnestie 389 000 Polen die Lager verlassen hätten; 115 000 gelangten nach Iran - 70 000 Soldaten und 45 000 Zivilisten, darunter 13 000 Kinder. Die Spuren aller anderen verlieren sich in den Weiten des sowjetischen GULag genauso wie die Spuren anderer Deportierter, für die es eine Amnestie niemals gab: die ethnischen Minderheiten Ostpolens.

Die Anders-Armee kämpfte bald an der Seite der Briten gegen Hitler-Deutschland, doch Elzbietas Wanderschaft war noch lange nicht zu Ende. Mit ihren beiden Töchtern kam sie zunächst nach Teheran, von dort ging es in den Süden, nach Ahvaz. Über den Persischen Golf und den Golf von Oman fuhren sie mit dem Schiff nach Indien. In Karatschi begann die nächste Etappe ihrer Odyssee: Es ging in das britische Lager Koja, nördlich des Viktoria-Sees in Uganda. Noch zwei weitere Lageraufenthalte in Kenia folgten, bevor Wladyslaw Dziedzic, der das Konzentrationslager Dachau überlebt hatte, mit Hilfe des Polnischen Roten Kreuzes seine Familie aufspürte und im Jahr 1948 ihre Heimreise veranlassen konnte.

Von den aus den sowjetischen Lagern geretteten Frauen und Kindern kehrten nach dem Krieg nur wenige nach Polen zurück. Ihr Zuhause in Ostpolen gab es ohnehin nicht mehr. Die meisten fanden ein neues Zuhause in der Emigration: in Neuseeland, Australien, Nord- und Südamerika, England.

Danusia und Halinka wuchsen im kommunistischen Nachkriegspolen heran. Ihre Deportation war zu einem gesellschaftlichen Tabu geworden. Nichts sollte an ihre vergangenen Leiden, ihre gestohlene Kindheit im sowjetischen Lager erinnern, und auch sie sollten nicht daran erinnern. "Ich wurde im Zusammenhang mit den kriegerischen Handlungen der Deutschen gegen Polen in die Sowjetunion gebracht", war die von der kommunistischen Nomenklatura erwünschte Formulierung, als sie sich an der Hochschule um einen Studienplatz und später um einen Arbeitsplatz bewarben.

Äußerlich unterschied sich ihr Leben bei beiden jungen Frauen kaum von dem ihrer Altersgenossen. Danusia wurde Juristin, Halinka Ärztin. Sie heirateten, gründeten Familien. Innerhalb der Familie sprachen sie zuweilen über die Vergangenheit. An dem Tabu wagten sie vierzig Jahre nicht zu rühren. Dann brach die kommunistische Welt Osteuropas zusammen.

Immer war ihnen bewusst gewesen, dass es noch andere gab, die ihr Schicksal teilten. Nur: Wer und wo waren sie? Jeder, der ihrer Generation angehörte, konnte es sein. Mittels Anzeigen in den Tageszeitungen begannen sie ihre Suche - und sie fanden sich. Ihr bislang letztes Treffen fand 2006 in Breslau statt: 186 Personen kamen - die letzten Zeugen einer Odyssee aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, den die Welt schon fast vergessen hat.

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Die Autorin ist Polonistin und Historikerin und arbeitet als Journalistin. Sie lebt in Berlin.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2008, Nr. 302, S. 6

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