Sonntag, 8. März 2009

Der Irrtum ist nicht ausrottbar


Finanzkrisen gibt es, seit es den Kapitalismus gibt. In ruhigen Zeiten neigt die Welt dazu, das Risiko zu verdrängen. Jetzt ist der Schrecken groß. Und in ihrer Hektik verlieren die Staaten Maß und Ziel. (...)

Dem Staat kommt die Krise gelegen. Denn sie bietet die beste Chance, mit großzügigen Wohltaten in das Wahljahr 2009 zu gehen. Weil sich davon beide großen Parteien Vorteile versprechen, funktioniert eine große Koalition in solchen Zeiten besonders gut. Unter dem Vorwand der Konjunkturunterstützungurde plötzlich ein neuer Staatsinterventionismus großen Stils wieder Mode. Dass die Pflicht zu Haushaltsdisziplin einmal Konsens war, kann als "ideologischer Balast" beiseitegelegt werden. Das politische Eigeninteresse darf sich kaschieren als keynesianisches Konjunkturprogramm oder als Antwort auf den Schrei notleidender Unternehmen und ihrer Arbeitnehmer.

Ob es wirkt, weiß niemand. Sicher ist nur: Für die Staaten wird es teuer. Warum rebellieren die Bürger nicht angesichts solcher von heute auf morgen beschlossenen neuen Belastungen, die sie alle treffen werden? Warum lassen sie es sich gefallen, dass ihr Geld dazu benutzt wird, andere von ihrem Risiko zu entlasten? Und warum ist dieser ungenierte Zugriff für den Staat kein Risiko? Die kurze Antwort lautet: Weil eine hohe Staatsverschuldung für den Bürger nicht direkt spürbar ist. Sie wirkt sich auf ihn und seine Nachkommen aus; aber diesen diffusen Schaden rechnet er in der Regel nicht der staatlichen Schuldenpolitik zu.

Die Theorie, wonach der Staat seinen Bürgern heimlich, still und von einer drohenden Depression legitimiert das Geld aus der Tasche zieht, dann aber großzügig - und eklatant ungerecht - wahlwichtige Einzelgruppen privilegiert, rangiert in der Finanzwissenschaft unter dem Stichwort fiskalische Illusion: Die Bürger unterschätzen nicht nur, wie viel sie selbst zur Finanzierung des Staates - also der öffentlichen Aufgaben - beitragen. Sie unterschätzen auch, was sie dafür bekommen. Sie überschätzen die Leistungen und unterschätzen die Kosten. Nichts lieben Politiker mehr als diesen Mechanismus der fiskalischen Illusion; sie nutzen ihn gerne und nach Kräften aus. Denn sie werden für ihre Wohltaten, nicht für Preise (Steuern, Abgaben) gewählt. Sie wollen so tun, als könnten sie uns aus dem Nichts beschenken. Die fiskalische Illusion hat ihre Entsprechung in der Gratisillusion öffentlicher Güter. Das ist teuer, wenig transparent, und der Preis für den Glauben an den benevolenten demokratischen Diktator könnte unbezahlbar werden. Dass jetzt zunehmend über die Gefahr eines Bankrotts ziviliserter großer Staaten geredet wird, ist das warnende Signal. (...)

Woran liegt es, dass wir die nächste Finanzkrise weder vorhersehen noch verhindern können, obwohl sie mit Sicherheit eintreten wird? Die Antwort ist simpel: Weil wir die Zukunft nicht kennen und Prognosen, gemäß einem alten Kalauer, eben schwierig sind, besonders dann, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Am Anfang war der Irrtum. Falsche Erwartungen hinsichtlich der Preisentwicklung an irgendwelchen Märkten, einem "vernünftigen Glauben" (rational belief) entsprungen, haben noch jede Krise wieder ans Laufen gebracht. Der Irrtum ist nicht ausrottbar oder nur um den Preis der Ausrottung der Menschheit. Das Einzige, was wir machen können, ist, uns besser auf den nächsten Irrtum vorbereiten. Alles andere wäre Hybris und würde gewiss alsbald als anmaßend überführt werden können.

Alle Rettungsaktionen und alle Präventionen sind rückwärts gewandt. Je mehr sie für sich beanspruchen, die Zukunft zu beherrschen, umso gefährlicher werden sie. Der große Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich von Hayek spricht vom "anmaßenden Wissen". Politiker, Intellektuelle, Unternehmer möchten die Zukunft in den Griff nehmen, um "Planungssicherheit" zu geben. Sie wollen den Zufall eliminieren. Aber sie haben nicht alle Informationen, und sie wissen noch nicht einmal, welche Informationen relevant sein werden. Und selbst wenn sie es wüssten, wüssten sie nicht, ob sich deren Relevanz im Zeitverlauf ändert. Denn die Zukunft ist eine spontane Ordnung, sie ist "Ergebnis menschlichen Handelns, nicht menschlichen Entwurfs", wie der schottische Aufklärer Adam Ferguson schrieb: Handeln aber ist immer ein Akt der menschlichen Freiheit, bezogen auf die Freiheit anderer, nicht denkbar ohne Zufall und überraschende Konstellation, sei sie glücklich oder unglücklich. All das entzieht sich der Planbarkeit. So gern wir den nächsten Crash verhindern würden: Es wird uns nicht gelingen.

Die "entfesselte Marktwirtschaft" sei gescheitert, ist jetzt oft zu hören. Das ist in vielfacher Hinsicht Nonsens. Eine entfesselte Marktwirtschaft hat es nie gegeben. Immer schon gibt es unsere Welt nur im Zusammenspiel von rechtlichen und politisch gesetzten Regeln und Zielen und Motiven der Menschen, aus denen sie ihre Entscheidungen treffen. Der Kapitalismus pur ist ein Phantombild seiner Gegner.

Eines ist klar: Rational geht es dabei nicht zu, unvernünftig auch nicht. Deshalb sind auch künftig Manien und Paniken unvermeidlich. So ist das Leben. Dann gibt es Arbeitslosigkeit. Die Leute werden mehr sparen als konsumieren. Minderheiten werden benachteiligt und leiden. Immobilien-, Aktien- oder Ölpreise ziehen wieder an. Und fallen wieder in sich zusammen. Und abermals wird man versuchen, die Spielregeln zu verändern, um sich auf den nächsten Irrtum besser vorzubereiten. Dabei wird man unweigerlich neue Fehler machen.

Die Kreativität des Kapitalismus ist ohne die ewige Wiederkehr des Gleichen nicht zu haben. Sie bringt Wohlstand für alle und Produktivitätsgewinne für jeden. Sie verhindert, dass wir Europäer heute noch in der Welt von Charles Dickens leben und Menschen schutzlos ausgebeutet werden. "Vielleicht war die größte Errungenschaft des Kapitalismus die Umwandlung der Arbeitswelt von der Routine und Langeweile in eine Welt des geistigen Wandels, der geistigen Anreize, Problemlösung, Erforschung und manchmal der Entdeckung", sagt Nobelpreisträger Edmund Phelps. Eine bürokratisch domestizierte Wirtschaftswelt wird diese Erfolge nicht zuwege bringen. Besser ist es daher, wir entscheiden uns, mit den gewiss ungemütlichen Instabilitäten des Kapitalismus zu leben. Unter dem Strich wird ein Gewinn an Wohlstand und Freiheit bleiben.

- Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch "Der amerikanische Virus. Wie verhindern wir den nächsten Crash?" (Blessing, 16,95 Euro)


Text: „So fällt in der Krise alle Scham“ von Rainer Hank

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2009, Nr. 56, S. Z1


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