Donnerstag, 12. März 2009

Noch zwei Beiträge zum Thema: Steinbach / Bartoszewski


Bartoszewski antwortet Lammert

WARSCHAU, 11. März (dpa). Der polnische Deutschlandbeauftragte Wladyslaw Bartoszewski hat in einem Brief an Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) seine Angriffe auf Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach bekräftigt. "Als Europäer kann ich die von Frau Steinbach öffentlich forcierte falsche Interpretation der Geschichte nicht akzeptieren", schrieb Bartoszewski in dem Brief, den die Zeitung "Gazeta Wyborcza" am Mittwoch veröffentlichte. Der 87 Jahre alte ehemalige Auschwitz-Häftling und frühere polnische Außenminister antwortete damit auf ein Schreiben Lammerts vom vergangenen Samstag. Darin hatte Lammert Bartoszewski um Mäßigung gebeten und Steinbach vor Kritik in Schutz genommen. In dem in der "Gazeta Wyborcza" veröffentlichten Text gab Bartoszewski zu, dass seine Äußerungen "nicht immer diplomatisch ausgewogen" gewesen seien. In Deutschland werde aber "zu leicht" Frau Steinbachs "konsequente Abneigung gegen Polen" vergessen. Bartoszewski schreibt weiter, die Beziehungen zwischen Polen und Deutschen sollten sich auf die Wahrheit stützen. Er stelle aber mit Bedauern fest, dass die jüngsten Ereignisse "Mangel an nötiger Distanz und Demut" bei einigen Vertretern Deutschlands offenbart hätten.


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2009, Nr. 60, S. 4



Mehr Fingerspitzengefühl für Polen


Im Leitartikel von Berthold Kohler "Der Preis: ihr Kopf" (F.A.Z. vom 2. März) vermisse ich leider die Sensibilität, sich auch auf die polnische Seite einzustellen. Als Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen ist Frau Steinbach keinesfalls eine Ideal-, sondern eine glatte Fehlbesetzung. Sie war, wenn möglich, ständig auf Konfrontationskurs der polnischen Seite gegenüber. Verbindliches und Ausgleichendes, also Versöhnliches, konnte man von ihr noch nicht vernehmen. Mir ist jedenfalls nichts bekannt. Ihre Abstimmung gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie 1991 im Bundestag soll hier nur am Rande erwähnt sein. Dass ihr Vater aus Hanau stammte und im Range eines Feldwebels lediglich nach Polen versetzt wurde, wo sie 1943 zur Welt kam, macht sie nicht gerade zur idealen Vorsitzenden des Vertriebenenverbandes. Sie als Vertriebene anzusehen, weil sie mit eineinhalb Jahren mit den Eltern vor der herannahenden Roten Armee gen Westen flüchtete, ist weit hergeholt. Ihr Erinnerungsvermögen an diese Heimat tendiert wohl gegen null.

Das Vorhaben, sie auch noch in den Stiftungsrat für die Erinnerungsstätte zur Vertreibung zu entsenden, zeigt nur, wie wenig sensibel wir sind beziehungsweise wie wir bewusst auf Konfrontation und Provokation setzen. Etwas mehr Fingerspitzengefühl wäre hier angebracht.

ROBERT LEBOWITSCH, FRANKFURT AM MAIN

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2009, Nr. 60, S. 9


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